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 05.04.2005

"Hatte Angst": Angeklagter kaufte Pistole

Der jetzt leerstehende Imbiss am Bexleyplatz. Hier spielten sich über etwa zwei Wochen die Auseinandersetzungen ab, die schließlich zu den tödlichen Schüssen führten. (WR-Bild: Welke)Unter starkem Polizeischutz hat gestern am Arnsberger Landgericht der Prozess gegen den türkischen Staatsangehörigen Mehmet C. begonnen. Dem 24-Jährigen wird vorgeworfen, am 29. Oktober des letzten Jahres auf dem Engelbertplatz in Neheim seinen 34-jährigen Landsmann Cahit Ö. mit mehreren Schüssen tödlich verletzt zu haben.

Verhaltenes Schluchzen im Zuhörerraum, als der Angeklagte in Handschellen vorgeführt wird. Viele Freunde und Familienangehörige des Opfers sind gekommen, um Zeugen der juristischen Aufarbeitung des Falles zu werden.

Richter Willi Erdmann, Vorsitzender der als Schwurgericht tagenden 2. großen Strafkammer, geht gleich zu Beginn auf harte Linie. Er werde keinerlei Störungen dulden und jede Mißfallensäußerung mit Saalverweis ahnden. Selbst für das Klingeln eines Handys droht er 100 Euro Ordnungsstrafe an.

Nicht zuletzt die auf den Fluren und im Saal präsenten Polizeikräfte und Justizbeamten sorgen für einen störungsfreien Ablauf. Aufgehalten wird der Gang des Verfahrens lediglich durch die Verständigungsschwierigkeiten des Angeklagten. Ein Dolmetscher ist hinzugezogen worden, um in beide Richtungen zu übersetzen.

Die Richter und die übrigen Prozessbeteiligten interessieren zunächst die Person des Angeklagten und seine Lebensumstände. Im Kurdengebiet aufgewachsen, geriet er dort schließlich zwischen die Fronten der Krieg führenden Parteien, musste Schule und Freundin aufgeben und flüchtete in die Niederlande. Onkel und Vater, die auf Seiten der kurdischen PKK gekämpft hatten, waren bereits dort und nahmen ihn auf.

C. verließ seine Familie wieder, nachdem es wegen einer neuen Beziehung zu einer Frau wieder Ärger gegeben hatte. Er war vorübergehend ohne festen Wohnsitz und schlief im Freien. Später arbeitete er in Rotterdam und in Arnheim, wo er noch jetzt gemeldet ist. Die Arbeit bei seinem Onkel in Lingen/Ems endete damit, dass er dessen Geschäft anzündete, angeblich weil er sich aufgrund von Depressionen umbringen wollte. Das Landgericht Osnabrück verurteilte ihn wegen schwerer Brandstiftung.

18-Stunden-Tag ohne Bezahlung
Mitte des Jahres 2004 kam C. nach Neheim. Dort hatte sein Bruder einen kleinen Imbiss eröffnet. Von morgens acht bis nachts um zwei Uhr habe er dort im Schalterbetrieb ohne feste Bezahlung gearbeitet, schilderte der bleiche Angeklagte.

Die Vorgeschichte der tödlichen Schüsse begann zwei Wochen vorher. Es sei mehrfach zu Auseinandersetzungen mit Russen gekommen, berichtete C. Bei diesen handelte es sich um Nachbarn und Mitbewerber. Sie hätten verlangt, den Imbiss aufzugeben. Nach Prügeleien und einer Attacke mit einem Messer, durch die C. leicht an der Hand verletzt wurde, habe schließlich der Russe den Imbissbetreibern einen "richtigen Krieg" angedroht.

Als er die mehrfach zu Hilfe gerufene Polizei um Schutz gebeten habe, sei ihm gesagt worden, man könne da nichts machen. C. entschied sich daraufhin für den Selbstschutz und erwarb für 1750 Euro aus der Ladenkasse eine Pistole. "Ich hatte Angst."

Zur Tat selbst soll er am Freitag befragt werden.

Quelle: WR-online, 05.04.2005



"Wir sind hier nicht in einer Fernseh-Gerichtsshow"

In Handschellen wird der wegen Mordes angeklagte Mehmet C. in den Sitzungssaal geführt. Foto: Ted Jones"Hurensohn", zischt es aus der hinteren Reihe, als der Angeklagte in den Sitzungssaal des Landgerichts geführt wird. Zwei Stühle weiter bricht eine Frau mit Kopftuch in Tränen aus. "Wir sind hier nicht in einer Fernseh-Gerichtsshow", geht der Vorsitzende Richter dazwischen. "Ich verbitte mir jegliche Kommentare und Störungen aus der Zuschauerreihe, sonst verweise ich Sie des Saales."

Überaus emotionsgeladen begann vor der zweiten Großen Strafkammer der Prozess gegen einen 24-jährigen Türken, der im Herbst vergangenen Jahres vor einem Döner-Imbiss in Neheim einen Landsmann erschossen haben soll.

Eisige Blicke
Beinahe schüchtern betritt der Angeklagte Mehmet C. den großen Sitzungssaal des Landgerichts Arnsberg - schwarzer Anzug, silbergraue Krawatte, dunkel umrahmte Brille. Den Blick zu Boden gerichtet, streicht er sich über den Schnauzbart, als ihm ein Polizeibeamter die Handschellen abnimmt. Seine Augen suchen die des Verteidigers. Der nickt kurz, setzen.

In den Zuschauerreihen ist inzwischen Ruhe eingekehrt. Aber noch immer schaut Mehmet C. nicht auf. Vielleicht auch, um nicht auf der Bank des Nebenklägers den eisigen Blicken von Bruder und Vater des Mannes zu begegnen, den er am 29. Oktober am Engelbertplatz erschossen haben soll. Erst später bei der Schilderung der Vorgeschichte wird Mehmet C. sicherer auftreten, weniger leise und gebrochen.

Alles andere als "rosig"
Willi Erdmann, der Vorsitzende Richter, widmete sich zum Prozessauftakt zunächst der Lebensgeschichte des Angeklagten. Und die stellte sich alles andere als "rosig" dar. Im überwiegend von Kurden bewohnten Gebiet der Türkei sei er groß geworden, berichtete Mehmet C. Im Alter von 14 Jahren von der Schule geflogen, weil sowohl der Vater als auch der Onkel sich politisch engagierten - in der PKK. Wenig später sei der Vater zum Tode verurteilt worden, habe aber rechtzeitig in die Niederlande flüchten können, wo auch Mehmet später lebte.

Dort sei es jedoch zwischen ihm und seinem Vater immer wieder zu Streitigkeiten gekommen, unter anderem wegen einer Frau, die der Vater für seinen Sohn nicht akzeptieren wollte. Die Folge: Alkoholmissbrauch, Spielsucht, Schulden, Depressionen ein Suizidversuch. Anschließend eine kurze therapeutische Behandlung und 2004 der Umzug nach Neheim, wo er - nach wie vor in Arnheim gemeldet - im Imbiss seines jüngeren Bruders arbeitete.

"Dort ging es mir eigentlich auch gut bis zu dem Tag, als die Russen bei uns aufliefen", erklärte Mehmet C. gestern bei seiner Vernehmung. Deren "Boss" sei mehrfach im Imbiss aufgetaucht und habe den Angeklagten und seinen Bruder genötigt, den Laden dicht zu machen. Dabei sei es mehrfach zu Auseinandersetzungen gekommen, einmal habe der Russe sogar ein Messer gezogen und Mehmet C. damit am Finger verletzt. Immer wieder habe der Russe betont, die Sache sei noch nicht beendet. "Da habe ich einfach Angst gekriegt und mir von einem Bekannten eine Waffe besorgt", erklärte der Angeklagte.

Fortsetzung am Freitag
Wer Mehmet C. die Handhabung der 1750 Euro teuren Pistole erklärt hat, wie er dem Bruder das Fehlen eben dieses Betrages aus der Imbiss-Kasse erklären wollte und wovon der Angeklagte eigentlich gelebt hat, wenn er doch - wie er selbst ausgesagt hatte - von seinem Bruder keinen Lohn erhalten hat - all das schien für den Vorsitzenden Richter noch ein wenig unklar, als er am Mittag den ersten von zunächst acht Verhandlungstagen beendete. Am Freitag wird der Prozess fortgesetzt.

Quelle: WP-online, 05.04.2005


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